ZWISCHEN ZWEI WELTEN - Gedanken über Veränderung und Zugehörigkeit
- Dorota G.
- 10. Apr. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Heute möchte ich ein paar Gedanken mit euch teilen, die mir neulich auf einer Zugfahrt durch den Kopf gingen. Es ging um etwas sehr Persönliches – um das Gefühl von Zuhause. Wer mich kennt, weiß: Ich lebe seit über zwanzig Jahren nicht mehr in Polen. Mein erwachsenes Leben spielt sich in Berlin ab. Hier habe ich eine Familie gegründet, hier habe ich mich beruflich weiterentwickelt.
Und da im Zug – irgendwo zwischen Ländern, mit Sonne draußen – kamen Erinnerungen hoch. Ich fahre gern Zug. Diese Art des Reisens lässt viel Raum zum Nachdenken. Und mir fiel ein, wie es früher war – ganz am Anfang. Wie anstrengend diese Fahrten für mich waren. Wie sehr ich damals nach mir selbst gesucht habe – manchmal mit aller Kraft.
Damals war ich Ende zwanzig. Ich dachte, ich hätte meine Identität klar: Werte, Ziele, Familie - alles, was einem doch eigentlich ein Gefühl von Identität geben sollte. Und trotzdem hatte ich keine Ahnung, wie tief Migration einen Menschen im Innersten berühren kann. Das wurde mir erst viele Jahre später klar. Aber das ist vielleicht eine Geschichte für ein anderes Mal. :-)
Was ich aber noch genau weiß: Nach jedem Besuch in Polen fühlte ich mich wie in zwei Hälften geteilt. Dieses Hin- und Hergerissensein zwischen „dort“ und „hier“ konnte überwältigend sein. Ich wollte einfach nur eins sein – mit mir selbst, mit meinem Leben.
Erst mit der Zeit habe ich verstanden: Das ist okay. Es ist ein Prozess.
Darüber wird wenig gesprochen, in der Schule lernt man das auch nicht - dabei betrifft es viele Menschen. Bücher streifen das Thema vielleicht, aber das eigentliche Verstehen passiert im Alltag, im Körper, in den Gefühlen. Und jede Emotion – Trauer, Sehnsucht, Zweifel – hat das Recht, da zu sein. Und am nächsten Tag wachst du auf und denkst: Hey, worum ging’s mir gestern eigentlich? Das ist nicht Widersprüchlichkeit, sondern Teil eines inneren Anpassungsprozesses. Emotionen sind ein natürlicher Teil des Prozesses, sich selbst neu zu finden.
Ein Umzug, selbst wenn es „nur“ 200 Kilometer sind, ist immer auch eine innere Veränderung. Man begegnet einem neuen Ich, in einer neuen Umgebung. Für mich waren die Geburten meiner Kinder auch so ein Wendepunkt. Mein erstes Kind kam nur ein Jahr nach dem Umzug. Eine wunderschöne, aber intensive Zeit. Voller Veränderungen.
Damals wollte ich stark sein. Unabhängig. Alles im Griff haben. So eine „Ich mach das schon alleine“-Frau. Aber tief drin war da Angst. Die Angst, mich selbst zu verlieren. Dass der Teil von mir, der Polen kannte, einfach verschwinden könnte. Natürlich habe ich mir das damals nicht eingestanden. Ich habe es verdrängt.
Heute weiß ich: Ich hätte mir einfach ein bisschen Raum geben sollen. Mich fragen: Was ist da wirklich los in mir? Und mir erlauben, Angst zu haben.
Denn Angst zugeben nimmt dir nicht die Kraft – es zeigt Mut. Es schafft Klarheit. Und Stabilität.
Und genau deshalb erzähle ich das hier. Weil wir alle im Leben durch Veränderungen gehen. Ob es ein neuer Job ist, das Ende einer Beziehung, ein Umzug oder der Schritt in die Selbstständigkeit – jede Veränderung bringt uns erstmal aus dem Gleichgewicht. Und das ist ganz normal. Veränderung fühlt sich oft an, als würden wir die Kontrolle verlieren. Und wenn frühere Erfahrungen damit schwierig waren, kommt schnell die Angst, wieder zu scheitern. Aber das Wichtigste ist: sich selbst Raum zu geben. Nicht zu verdrängen. Einfach da zu sein – mit allem, was gerade ist.
Veränderungen sind ein bisschen, wie ein neues Kleidungsstück: Manchmal passt es sofort. Und manchmal braucht es Zeit, um sich darin wohlzufühlen. So ist das auch mit dem Leben. Wir müssen uns selbst in der neuen Situation erstmal kennenlernen. Was dabei hilft? Ein inneres Fundament. Selbstakzeptanz. Freundlichkeit sich selbst gegenüber.
Denn wisst ihr was? Wir sind keine Betonsäulen. Wir verändern uns ständig – durch äußere Umstände, aber auch durch das, was in uns passiert. Und heute kann ich sagen: Jede Veränderung, selbst die, die sich damals wie ein Desaster anfühlte, war wichtig. Jede hat mir etwas genommen – und etwas geschenkt. Und für jede bin ich dankbar.
Am Anfang habe ich von „Zuhause“ gesprochen. Natürlich ist das auch ein Ort. Aber für mich ist es vor allem ein Zustand. Ein Gefühl von innerer Harmonie. Ein Platz in mir, wo ich echt sein darf. Ohne Maske. Ohne Rolle. Einfach ich. Solange ich mit mir selbst im Reinen bin, mir selbst treu bleibe – bin ich zu Hause. Egal, wo ich gerade bin. Dieses Gefühl, innerlich zu Hause zu sein, gibt mir die Kraft, Veränderungen anzugehen. Auch die schwierigen. Auch wenn ich nicht weiß, wohin sie führen. Denn was ich unterwegs entdecke – über mich, über das Leben, über andere – ist es immer wert.
Und vielleicht ist genau das der Sinn: Nicht alles vorher zu wissen. Sondern loszugehen. Zu probieren. Zu entdecken. Manchmal etwas ganz Neues – und manchmal etwas, das schon lange da war, aber in Vergessenheit geraten ist.
Und wie ist das bei euch? Ich lade euch ein, eure Erfahrungen mit dem Thema Auswandern oder Veränderung zu teilen. Ein großes Thema – aber eins, das uns alle früher oder später betrifft. Wie habt ihr eure eigenen Umbrüche erlebt? Seid ihr vielleicht gerade mittendrin?
Ich freue mich sehr, wenn ihr eure Geschichten teilt. Erzählt von euch, von euren Gefühlen.
Ich wünsche euch wundervolle Erfahrungen auf jeder eurer Reisen!
Herzlichst
D☀️


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