ZWISCHEN GRENZEN UND STIMMEN – eine persönliche Reflexion über Migration, Zugehörigkeit und Menschlichkeit
- Dorota G.
- 2. Juni 2025
- 3 Min. Lesezeit
Im Jahr 2006, kurz bevor ich Polen verlassen habe, schrieb ich als Studentin einen Text über Migration, Nationalismus, Freiheit und Sicherheit. Ich war damals Anfang zwanzig, spürte die Komplexität des Themas, aber mir fehlte noch die eigene Erfahrung.
Ich schrieb mit Nachdenklichkeit und einer gewissen Vorsicht – der Versuch, beiden Seiten gerecht zu werden: den Staaten, die ihre Souveränität schützen wollen, und den Menschen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Ich sagte zum Beispiel:
„Ich denke, dass jeder Staat das Recht hat, seine Souveränität zu bewahren. Gleichzeitig sollte jede Person – ob Tourist, Arbeitskraft oder Einwanderer – die Gesetze des Landes respektieren, in dem sie sich aufhält. (…) Ich bin gegen Rassismus und Aggression. Jeder Mensch hat das Recht, sich sicher im eigenen Land zu fühlen.“
Heute – nach fast zwei Jahrzehnten in Berlin – lese ich diesen Text mit Zärtlichkeit und kritischem Abstand. Ich erkenne die junge Frau, die ich war: wach, suchend, aber noch vorsichtig im Ausdruck. Damals dachte ich über Migration nach. Heute lebe ich sie.
Ein paar Tage vor dem Schreiben dieses Textes war ich auf der Post. Ich hatte ein Paket aufgegeben, als mir der junge Mann hinter dem Schalter mit einem Lächeln ein „Schönen Tag noch!“ zurief.
Ein kurzer Moment. Freundlich, beiläufig – und doch so bedeutungsvoll. Ein junger Mann, der mir mit einem Lächeln einen schönen Tag wünschte – in diesem Moment so präsent und selbstverständlich wie ich.
Und da war er – dieser Gedanke: Wie wichtig es ist, einfach ein anständiger Mensch zu sein. Nicht definiert durch Herkunft, Nationalität oder politische Zugehörigkeit. Sondern durch das, wie wir einander begegnen – mit Achtung, mit Offenheit, mit Menschlichkeit.
Ich merke: Ich mag dieses Gefühl des „Entnationalisierens“ im Alltag. Es entsteht nicht durch Gesetze, sondern durch Begegnungen. Durch den Blickkontakt an der Kasse, durch einen Gruß, durch die selbstverständliche Vielfalt im Stadtbild.
Gleichzeitig beobachte ich, was in meinem Herkunftsland passiert. Gestern fanden in Polen Präsidentschaftswahlen statt. Das Ergebnis: fast 50 zu 50. Eine minimale Mehrheit für das konservative Lager.
Als jemand, der sich selbst als eher liberal versteht, war mein erster Impuls: Enttäuschung, Kritik, Sorge. Doch dann kam ein anderer Gedanke: Vielleicht denkt die andere Seite dasselbe über „uns“. Vielleicht fürchten auch sie den Wandel, den Verlust vertrauter Werte. Vielleicht glauben auch sie, dass sie „ihr Land“ schützen müssen.
Und dann stellt sich die Frage: Wie sehr darf ich mich überhaupt einmischen? Ich lebe seit über zwanzig Jahren in Berlin. Ich zahle hier meine Steuern, ich denke mittlerweile in zwei Sprachen, ich lebe in einem anderen Kontext.
Und trotzdem wähle ich – bei jeder Wahl in Polen. Ich nutze mein demokratisches Recht. Aber ich frage mich jedes Mal: Wähle ich aus Verantwortung oder aus Entfernung? Aus Liebe oder aus Angst?
Ich glaube, ich darf sprechen – wenn ich es mit Demut tue. Wenn ich nicht urteile, sondern frage. Wenn ich nicht belehre, sondern erzähle. Wenn ich meine Position als Migrantin ernst nehme: nicht besserwissend, sondern verbunden, nicht außerhalb, sondern dazwischen.
Migration ist kein Problem.
Sie ist auch keine Lösung.
Sie ist eine Realität.
Und in dieser Realität entscheidet sich sehr viel daran, ob wir Menschen als Menschen sehen – oder als Kategorien.
Daher berührt mich noch immer der Satz, mit dem ich 2006 meinen Text beendete:
„Die Freiheit des einen Menschen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.“
Heute würde ich hinzufügen: Wahre Freiheit beginnt dort, wo wir bereit sind, einander als Menschen zu sehen – nicht als Gegner. Wo wir anerkennen, dass Zugehörigkeit nicht an Grenzen, sondern an Haltung gebunden ist.
Ich schreibe diesen Text aus Berlin. Nicht aus der Distanz, sondern aus einem Raum zwischen den Ländern, den Sprachen, den Systemen.
Und vielleicht sieht man gerade von dort am klarsten, was es heißt, für den Menschen zu sein – nicht für die Grenze.
Herzlichst
D☀️


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